Interview mit Michel Mollard
Interview mit Michel Mollard, CEO of Euler Hermes SFAC, member of Euler Hermes Group management board, in charge of Group Commercial Activities
26.03.2009
Können Sie uns einen kurzen Überblick über die derzeitige Wirtschafts- und Geschäftslage geben?
Der Schutz der Liquidität ist mehr denn je in den Fokus verantwortungsvoller Unternehmensführung gerückt. Ein beliebtes Mittel der Unternehmen (42%) zur Steuerung ihrer Liquidität ist die Nutzung von Zahlungszielen und die verzögerte Begleichung fälliger Forderungen. Selbst in Wachstumsphasen eines Konjunkturzyklus werden ein Drittel aller Rechnungen erst nach Ablauf des Zahlungsziels beglichen.
Angesichts des allein für die Eurozone prognostizierten Rückgangs des BIP um mindestens 3 % für 2009 und eines erwarteten Anstiegs der Insolvenzen um 25 % in diesem Jahr werden Zahlungsrückstände und Ausfallquoten noch weiter steigen. In der Folge wird die Stabilität vieler Unternehmen in Mitleidenschaft gezogen werden. Entlassungen, Restrukturierungen und Kapitalspritzen für angeschlagene Unternehmen sind die logische Konsequenz zur Sicherung der wichtigsten Grundlage einer stabilen Geschäftstätigkeit, nämlich des Cashflows.
Die momentane Medienberichterstattung über die Kreditmärkte hat das Risikobewusstsein der Öffentlichkeit hierzu wieder geweckt und das Interesse an der Kreditversicherung gestärkt.
Welchen Beitrag zur Wertschöpfung kann Euler Hermes inmitten des Abschwungs leisten?
Euler Hermes ist seit über 100 Jahren in Märkten tätig, in denen das Unerwartete – die Insolvenz ohne Vorwarnung - an der Tagesordnung ist. Aus diesem Grund haben wir massive Investitionen in unsere IT-Systeme und Datenbanken getätigt, in denen Informationen zu den einzelnen Unternehmen wie z.B. Zahlungsverzüge gespeichert sind. Diese Daten werden ständig auf den neuesten Stand gebracht und von uns überwacht. Dies unterscheidet unsere Informationen von den Daten vieler anderer Quellen, die per Definition bereits historisch sind. Folglich können wir heute in über 50 Länder sehr gut abschätzen, wie die dortigen Unternehmen mit dem gegenwärtigen Wirtschaftsklima zurechtkommen.
Dieses Wissen aus erster Hand fließt konsequent in den globalen Euler Hermes Bewertungsansatz von Kreditrisiken ein und hat eine stabilisierende Wirkung auf eine Wirtschaft im Wandel zur Folge. Oft sind wir die Ersten die spüren wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten ist und können daher auch am besten beurteilen, ob und welche Form des Inkassos sinnvoll bzw. erfolgversprechend sein könnte. Das erlaubt uns unserem Versicherungsnehmer ein nahtloses Debitorenmanagement anzubieten. Seit Anfang diesen Jahres bieten wir unseren Inkassoservice auch nicht-kreditversicherten Neukunden an.
Wir sieht die Kundenbetreuung aus? Können Sie uns etwas zu Ihrem Gesamtobligo sagen?
Die Kreditversicherung kann man nicht mit anderen Versicherungen vergleichen, denn sie ist keine Police, die man nach dem Abschluss in die Schublade legt und erst dann wieder herausholt, wenn ein Schadenfall eingetreten ist. Stattdessen verfolgt Euler Hermes eine „aktive Politik“, die durch einen ständigen, auf Beratung fokussierten Dialog mit unseren 55.000 Kunden geprägt ist, in dem Kreditlimite beantragt, festgelegt und überwacht werden, um die finanzielle „Gesundheit“ der Kunden unserer Versicherungsnehmer fest- und darzustellen.
Die Einhaltung von Kreditlimiten ist in beider Interesse, wobei wir unseren Kunden ständig betreuen und ihn schützen, da dieser zumeist auch selbst einen prozentualen Anteil am Risiko trägt. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten wie wir sie derzeit erleben, können manche Kreditlimite natürlich nicht mehr gewährt oder aufrechterhalten werden. Bisweilen kann ein Unternehmen gar nicht oder nur zu einem geringen Teil seine Abnehmer gegen Zahlungsausfall bei uns versichern. Die Unternehmensführung hat in diesem Fall jedoch eine fundierte Grundlage für die Entscheidung das Risiko alleine zu tragen, andere Zahlungsvereinbarungen mit dem Abnehmer zu vereinbaren oder besser ganz auf bestimmte Geschäfte zu verzichten.
Auch im Jahr 2008 haben wir unsere Kunden in der Krise nach besten Kräften unterstützt und unser Gesamtobligo nicht gesenkt, sondern sogar leicht erhöht. Dies war nur möglich, weil wir zuvor optimale Voraussetzungen für die Erfassung, Aufbereitung und Weitergabe von Informationen geschaffen hatten.
In Fällen, in denen wir keine ausreichend hohen Kreditlimite gewähren konnten und das Risiko für unseren Kunden zu hoch war um das verbleibende Ausfallrisiko seines Abnehmers selbst zu tragen, haben wir zur Schließung der Deckungslücke mit staatlichen Organen zusammengearbeitet. Dadurch konnten wir den betreffenden Unternehmen, denen beispielsweise für 50 % des Ausfallrisikos Versicherungsschutz gewährt wurde, die verbleibenden 50% durch eine staatliche Deckungszusage absichern. In diesem Zusammenhang haben wir an der Entwicklung und Umsetzung des französischen CAP-Systems (Complément d’Assurance-Crédit Public), bei dem es um eine staatliche Aufstockung der Kreditversicherung geht, mitgewirkt und sind in dieser Sache auch mit weiteren europäischen Regierungen im Gespräch.
Welche Diskussionen führen Sie mit Ihren Kunden damit diese die richtigen geschäftlichen Entscheidungen treffen können?
Unsere Entscheidung über ein Kreditlimit, welches letztendlich der Absicherung der Geschäfte unseres Kunden mit seinem Abnehmer dient, kann durchaus zu kontroversen Diskussionen mit unserem Versicherungsnehmer führen. Vor allem wenn dieser Geschäfte mit einem Abnehmer tätigen möchte, bei dem wir der Auffassung sind, dass dieser ein hohes finanzielles Risiko darstellt und wir folglich kein Kreditlimit einräumen können. Diese Art von Diskussion ähnelt in vieler Hinsicht der Beziehung zwischen dem Leiter der Kreditabteilung unseres Versicherungsnehmers und seinem Vertriebsleiter. Letzterer möchte neue Geschäfte abschließen und hat den Umsatz im Blick. Ersterer möchte die Liquidität des Unternehmens schützen und hat dabei den möglichen Zahlungsausfall im Auge. Diese durchaus produktiven Spannungen können sich in Abschwungphasen verstärken. Wir halten an unserem kundenorientierten Ansatz fest. Alles andere würde unseren Versicherungsnehmern finanziell schaden. Auch uns würde es finanziell treffen, da wir in letzter Konsequenz diesen Versicherungsnehmer als Kunden verlieren würden. Dies ist für uns keine Option. Aus diesem Grund werden unsere Kunden immer im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen. Auch weiterhin werden wir die sich wandelnden Anforderungen, denen sich unsere Kunden ausgesetzt sehen beobachten und analysieren, und unsere Lösungsangebote den Bedürfnissen unserer Kunden anpassen.

